Gutleutviertel – Gutleut – “Gute Leute” die Leprakranken

Grindbrunnen um 1835

Grindbrunnen um 1835

Gutleuthof am Main

Gutleuthof am Main

Gutleut wurden im Mittelalter die Leprakranken, die Aussätzigen, genannt, weil man glaubte, dass ihre Not den Wohltätern Möglichkeiten gibt, sich durch gute Werke den Himmel zu verdienen. Wegen der hohen Ansteckungsgefahr wurden sie zwangsweise “ausgesetzt”. Ihnen blieb nur die Wahl, fortzugehen oder in einem Gutleuthaus (Gutleutehaus, Kottenhaus, Siechenhaus, Leprosium) außerhalb der Ortschaft zu leben.

In Frankfurt am Main gibt es den Gutleuthof, das Gutleutviertel, die Gutleutkirche und die Gutleutstraße.

Das Gutleutviertel liegt am Nordufer des Mains. Im Osten reicht es über die Friedensbrücke hinaus bis zur Wiesenhüttenstraße, wo das Bahnhofsviertel beginnt. Im Westen grenzt es unmittelbar vor der Europabrücke, auf der die A 5 über den Main geführt wird, an den Stadtteil Griesheim. Im Norden wird es vom Gallus und den vom Hauptbahnhof nach Westen führenden Gleisen begrenzt.

Der Gutleuthof

Das Gutleutviertel war bis zum Ende des 19. Jahrhunderts kein strukturiertes Stadtviertel, sondern landwirtschaftlich genutzte Fläche vor den Toren der Stadt. Dort lag nach einem zeitgenössischen Bericht (1532) vor dem Galgentor ungefähr eine gute viertel Stunde „hart an dem Mayn den Strom hinunter“ der Gutleuthof, der die Geschichte dieses Gebiets prägte.

Der Gutleuthof wurde als Leprosenhof im Jahre 1283 erstmals erwähnt, das heißt hier wurde Leprakranken Unterkunft, Verpflegung sowie Behandlung gewährt; Lepra war im 13. Jahrhundert in Europa weit verbreitet. Gegründet worden war der Gutleuthof von einer Bruderschaft, die auch der benachbarten Galgen- oder Galluswarte ihren ersten Namen gab („Warte zu den guten Leuten“).
Ravenstein-Plan von 1885: Östlich neben dem Gutleuthof liegt Gogels Gut, im Becken des (projektierten) Frankfurter Westhafen die ehemalige Lage des Grindbrunnens, einer schwefelhaltigen Quelle.

In der Nähe des Gutleuthofes, auf dem Gelände des heutigen Frankfurter Westhafens befand sich die „Grindbrunnen“-Quelle,[1] deren schwefelhaltigem Wasser eine heilende Wirkung zugesprochen wurde; sie wurde später ans Nizza verlegt und ist dort versiegt beziehungsweise wegen Verunreinigung geschlossen worden.

Eine Kapelle, die wohl schon von Anfang an mit dem Lepraspital verbunden war, wurde zuerst im Jahre 1329 genannt; die Kirche diente den Protestanten der benachbarten Höfe und der Gemeinden Niederrad und Griesheim zum Gottesdienst, der Kirchhof den Beerdigungen von Gemeindeangehörigen, Selbstmördern und Hingerichteten. Bei der Anlage der Frankfurter Landwehr wurde der Hof in die Stadtbefestigung eingefügt und markierte ihre westlichste Ausdehnung. Er war von einer Ringmauer umschlossen, besaß eine schmale Mainpforte und je ein Haupttor auf der Frankfurter und auf der nördlichen, der Galgen-Warte zugekehrten Seite.[2]

Im Laufe der Zeit hatte die Zahl der Lepra-Erkrankten abgenommen und Ende des 16. Jahrhunderts war die Krankheit in Mitteleuropa fast verschwunden.

Chronic des Gutleuthofes in Frankfurt

1283:
Erste urkundliche Erwähnung des Gutleuthofes als Spital für „Sondersieche” (Leprosenhof) bis 1619.
1303:
In einer Urkunde vom 3. März wird ein Magister namens Rudolphus als Pfleger bei den Leprosen extra muros Frankenfordenses genannt.
1329:
Die Kapelle des Gutleuthofs zuerst genannt. Albrecht von Hofstatt stiftet einen Altar, der dem Hl. Kreuz zu Ehren geweiht war, für den Chor der Kapelle.
1333:
27. September Katharina von Wanebach, Ehefrau des Stifters der Liebfrauenkirche Wigel Wanebach schenkt den „Guden Louden” 17 Morgen Land.
1473:
Nicolai – Almosen Jakob zu Schwanau, dessen Stiftung den Gesamtbetrag von 9418 Gulden erreicht, errichtet in seinem Testament, eine Stiftung an Nicolai-Almosen von 100 Gulden, aus deren Zinsen jährlich 5 Gulden für die Guten Leute aufzuwenden waren.
1477:
In einer päpstlichen Bulle wird dem Frankfurter Rat von Papst Sixtus IV, Francesco deila Rovere, aufgetragen, zur Betreuung der Siechen des Gutleuthofes einen Kaplan zu bestellen.
1521:
Der Aussätzige Hieronimus Hilderich, „senger und canonik Unser Lieben Frauen Stift zu Francfort”, stirbt am 4. Januar bei den „Guten Leuten” und wird am darauffolgenden Tage, 5. Januar, in der Liebfrauenkirche beigesetzt.
1531:
Der Gutleuthof wird vorn Frankfurter Almosenkasten (Sozialbehörde der Reichsstadt) übernommen.
1532:
„Uff donnerstag nach Anthoni (18. Januar) bitten die Sunder Siechen uff dem Gut Leuth Hoff umb einen Evangelischen Predicanten.” Es entsteht dort die erste protestantische Gemeinde außerhalb der Mauern Frankfurts vor der offiziellen Einführung der Reformation (1533).
1546:
Jakob Urban berichtet, dass im Zuge des Schmalkaldischen Krieges (1546-15 54), die Kaiserlichen Truppen am 21. August ihre Lager bei den Guten Leuten aufgeschlagen haben.
1614:
Die Frankfurter Revolutionäre um Vinzenz Fettmilch werden auf dem Gutleuthof gefangen gehalten.
1772:
Am 14. Januar wird Susanna Margaretha Brand, das historische Gretchen aus Goethes Faust, hingerichtet und auf dem Gutleutfriedhof beigesetzt.

1780:
Johann Friedrich Becker, Ev. Prediger zu Guth Leuten, legt in einem Brief ( Akte 721) an den Almosenkasten, in dem er sich darüber beklagt, dass die Kirche des Gutleuthofes zu klein ist, ein Verzeichnis der Familien vor, welche „zu der Kirche auf Gutleuthen” aus den Bereichen Niederrad, Griesheim, Rebstock, Gallushof, Gutleuthof und vor der Windmühle eingepfarrt sind. Es sind zusammen 670. Zu den Gottesdiensten kamen auch “Angesehene Personen aus der Stadt”.

1801:
27. April: Die Wirtschaftsgebäude des Gutleuthofes brennen ab.
1804:
Johann Noe Gogel erwirbt vom Almosenkasten ein Areal von 40 Morgen oberhalb des Gutleuthofes fiir 7083 Gulden und 28 Kreuzer (Gogels Gut später « Sommerhoffpark»).
1804:
Johann Noe Gogel lässt sich von dem klassizistischen Baumeister Salins de Montfort auf seinem Gut eine prächtige Villa bauen (1944 zerstört).
1828:
Die Kirche des Gutleuthofs wird abgebrochen.
1839
Der Grindbrunnen (in Höhe des späteren Westhafens am Main) wird von der Polytechnischen Gesellschaft neu gefasst. Hier finden jährlich die Manöver und Paraden der Frankfurter Bürgerwehr statt.
1873:
Der Gutleuthof wird für 2.150 000 Goldmark an die Hessische Ludwigsbahn verkauft.
1883
Der Rentner L. Sommerhoff erwirbt den Gogelschen Landsitz («Sommerhoffpark»)
1920:
Das Sommerhoffschlösschen wird in Kleinwohnungen aufgeteilt.
1925:
Die Stadt erwirbt den Sommerhoffpark.
1940:
Die Getränkefirma Jöst erwirbt den Gutleuthof.
1944:
Die Villa Sommerhoff wird durch Bomben zerstört.
1952:
Am Gutleuthof legt die Firma Jöst einen „Frankfurter Weinberg” an.
1971:
Die Firma Jöst verkauft den Gutleuthof an die „Beratungsgesellschaft für Gewerbebau” einer Tochter der Neuen Heimat.
1979:
Die Stadt Frankfurt kauft den Gutleuthof 10,75 Millionen Mark. Er fällt den Planierraupen zum Opfer. Auf dem Gelände entsteht die Werner-von-Siemens-Schule, deren Richtfest 1988 gefeiert wird. 1990 wird die Schule bezugsfertig. Die über 700-Jährige Geschichte des Gutleuthofes ist zu Ende.

Dieser Beitrag wurde unter Blick veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.