Hammelsgasse Frankfurt

Dieser Artikel erschien am 13. Dezember 1985 in der Zeitung

DIE ZEIT

Die Hammesgasse war wegen des Gefängnisses jedem Bürger bekannt. Allerdings spielte dieses Gefängnis auch eine grausame Rolle in der Geschichte der Stadt Frankfurt. Was schlußendlich mit den Türen geschah ist mir nicht bekannt. Es versucht ja fast jeder aus allen Dingen Geld zu machen, aber vielleicht war die Idee mit den Türen “Des Leidens” Geld zu verdienen, 1985 doch 30 Jahre zu früh entstanden. Heute könnte man die Dinger ja über Ebay verkloppen aber das gab es ja 1985 noch nicht.

Text der Tafel

„Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschliesst, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren“
Bundespräsident v. Weizsäcker zum 8. Mai 1945

An diesem Platz stand die „Hammelsgasse“, Gerichtsgefängnis von 1905-1973. Während der Zeit der NS-Gewaltherrschaft (1933-1945) war die ehemals Königlich-Preussische Musteranstalt für zahllose Menschen, die aus rassischen, politischen oder religiösen Gründen verfolgt wurden, Durchgangsstation auf dem Weg zu Folter, Zuchthaus, Konzentrationslager oder Tod.

Ort
Hammelsgasse, Gerichtsgebäude E

Enthüllungsdatum
Ausführung

Gedenktafel Hammelsgasse

Gedenktafel Hammelsgasse

 

Der Rechtsanwalt und Notar Wolfgang Heinrich besitzt fast alle Gefängnistüren aus der „Hammelsgasse“, jenem Frankfurter Stadtgefängnis, das wegen seiner unmenschlichen Haftbedingungen in Verruf geriet. Die „Hammelsgasse“ gibt’s nicht mehr, vor einem Jahr wurde sie dem Erdboden gleichgemacht. Heinrich und seine Frau Yang-Ja Sho waren beim Abbruch zur Stelle. Sie retteten gut zweihundert Türen, die sie jetzt verkaufen wollen.

„Die Dinger wogen etwa zwei Zentner“, erinnert sich Wolfgang Heinrich an die Bergungsaktion. Auch Gefängnistische und -stühle lud er in den geliehenen Laster: „Alles, was nicht niet- und nagelfest war, nahmen wir an uns.“ Selbst ein paar Klosetts, die im Amtsdeutsch „Leibstuhlgefäße“ heißen, ließ er mitgehen.

Nur an die Schlüssel der Gefängnistüren kam Heinrich nicht heran. Da andere hessische Vollzugsanstalten ähnliche Schlösser haben, war den Behörden das Sicherheitsrisiko zu groß.

Irgendwann einmal will der Rechtsanwalt ein Buch über die Sprüche herausbringen, die von Gefangenen auf die grauen Türen geschrieben wurden: „Ich glaube eher an die Unschuld einer Hure, als an die Gerechtigkeit der Justiz“, lautet einer von ihnen.

Der Frankfurter Schriftsteller Peter Zingler, der zwölf Jahre seines Lebens im Gefängnis verbrachte, urteilt als Experte: „Meist sind Knast-Graffitis einfallslos, erschöpfen sich in ständigen Wiederholungen. Als ich 1959 erstmals im Kölner Klingelpütz landete, fand ich schon den Spruch von der Hure und der Justiz vor. 25 Jahre später, zum Termin in der ‚Hammelsgasse‘ vorgeführt, fand ich ihn erneut frisch gepinselt unter dem Zellenspion. Der beste Spruen aus meinem Knastleben war noch: ‚Wir saßen hier und plauderten und plauderten, und plötzlich waren zwölf Jahre um‘.“ Die eisernen Souvenirs aus der „Hammelsgasse“ sollen fünfhundert bis tausend Mark kosten, inklusive Echtheitszertifikat und Lageplan. Frau Yang-Ja Sho Heinrich sucht in Zeitungsannoncen nach Kunden. Doch das Interesse an den Pretiosen scheint nicht groß zu sein. „Nur beim Abbruch, da kam ein Häftling zusammen mit seinem Kumpel. Der wollte genau die Tür, hinter der er jahrelang gesessen hatte. Die haben das Ding dann gleich abtransportiert.“

Ein früherer Insasse, der zu Heinrichs Helfertrupp gehörte, reagierte anders. Als ihm „seine Tür“ als Dank für die Arbeit offeriert wurde, winkte er ab: „Die hab’ ich lang genug gesehen.“

Wolfgang Heinrich glaubt weiter an den Verkaufswert seiner Türen. Außer ehemaligen Häftlingen denkt er an „Leute, die bereits alles haben“. Sollte das große Geschäft doch noch klappen, hat er schon eine neue Idee: „Ein ausgedientes Gefängnis mal als Hotel auszubauen, das war mein Traum.“ Claudia Pai

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