Altstadt Frankfurt – 22. März 1944 – Vier Wochen danach

Nachdem seit einiger Zeit an der teilweisen Rekonstruktion einzelner Häuser der ehemaligen Frankfurter Altstadt gebaut wird, fast die Hälfte der Häuser wird ja in “schöpferischen Nachbauten” und der Rest in Neubauten erstellt. Auch Straßen und Plätze entstehen neu. Es gibt ja doch einige Literatur über die ehemalige, historische Altstadt und auch viele Bilder, in der man sich über diesen einmaligen Stadtteil informieren kann.

Ich möchte an dieser Stelle einen Artikel aus dem “Frankfurter Anzeiger vom 25. April 1944 zur Verfügung stellen, mit dem Titel: 4 Wochen danach – Über Trümmerpfade durch die Frankfurter Altstadt (April 1944) 

Zwischen dem 18. und 22. März versank die Altstadt in der Hölle der englischen Bomben in einem fürchterlichen Feuersturm und Bombenhagel. Vier Wochen danach,  Ende April vor 72 Jahren wurde dieser Artikel geschrieben. Ich finde bei aller berechtigten Freude über die teilweise und mögliche Rekonstruktion sollte man nicht vergessen an die Geschehnisse dieser Horrornächte zu denken.

Geburtshaus von Friedrich Stoltze in der Frankfurter Altstadt 1897 aufgenommen.

Geburtshaus von Friedrich Stoltze in der Frankfurter Altstadt 1897 aufgenommen.

“Das ist ja noch ganz warm!” Aus dem Schließkorb, den Hilfsarbeiter aus dem Trümmerberg geborgen haben, nahmen die drei Frauen den Inhalt heraus. Es war alles noch gut erhalten. Am Rand des abgebrannten Hauses standen Einmachgläser in Reih und Glied. Es schmeckte noch tadellos. Ein Dachkändel wird aus dem Trümmerhaufen geborgen. ” Das gibt ein feines Ofenrohr”, sagte die alte Frau. Das Geschirr ist nur rauchgeschwärzt. “Die Eier brauche mer nit mehr zu koche”, sagte die junge Frau, “sie sin bloß a bißchen hart gerate”. Sie ist auf Ausgrabung nach Frankfurt gekommen, das Kind ist draußen geblieben. Ein Soldat geht vorüber, er sucht das Antiquitätengeschäft , das einmal hier war. “Dort stehts an der Wand im Adreßbuch. Des is komplett, es is kaaner vergesse”, sagte eine Frau mit Humor.

Ein Balken sperrt den Fahrverkehr. Nur vereinzelt Fußgänger, sichtlich unter Trümmern zu Hause, huschen hindurch. “Hier darf nicht gesprengt werden”, verlangt eine Kreideschrift, “wertvolles Kulturgut liegt unter den Trümmern.” Ein alter gotischer Altar soll es sein. Wir sind im Hirschgraben. Am Goethehaus ist inzwischen viel geschehen. Auf dem Bürgersteig sind die mächtigen Sandsteinquader der Fassade gelagert. Die beiden Fenster der “Gelben Stube” im Erdgeschoß sind mit den schmiedeeisernen Korbfenstergittern noch erhalten, dazu das berühmte Guckfensterchen in der kahlen Mauer des Obergeschosses. Die vor Jahren eingezogenen Eisenträger halten noch die beiden Seitenmauern. Tapetenreste der “Blauen Stube” sind noch zu erkennen, darüber Tapetenreste des Salons, wo einst Graf Thoranc gewohnt. Schmiedeeiserne Gitter, Treppengeländer, der Klingelzug, der Türknauf, ein Schloß, Schlüssel sind liebevoll aus dem  Schutt gewühlt. Reste einer angebrannten gotischen Tür. Ein Trost: Nicht ein Gegenstand der Inneneinrichtung ist zugrunde gegangen. Sämtliche Gegenstände des Museums sind gerettet. Das Museum selbst ist ein Trümmerhufen. Der Fremdenführer ist Ausgräber geworden.

“Lebensmittel sofort anmelden”, wünscht eine Kreideschrift an einem Häuserüberrest. Auf den Bergstock gestützt, steigen wir über Trümmerhügel. Eine Senke. Das war einmal eine Straßenkreuzung, drei einstige Altstädter fanden sich hier. “Du brauchst nur mal schreiben,” sagt eine junge Frau, “Usingen, Glaubergasse.” Ein frischer Kokshügel: In Körben wird der Brennstoff der einstigen Zentralheizung aus der Kellerhöhle in Eimer geborgen. Eine Lichtmaschine rattert. Die Leitung führt über Trümmerhügel. Wie kam der Lieferwagen in diese Unwegsamkeit? Träger bringen auf einem hügelauf- und -ab laufenden Saumpfad geborgene Waren aus dem Keller.

Der ausgedörrte Gaumen zieht uns unwiderstehlich über die Trümmer. Keine Spur mehr von einer Gasse. Die Bomben haben alles gleichgemacht. In einem dunklen Häuserrest stehen ein paar Menschen. “Schorsch, geh fort, hol de Wasseraamer”, ruft einer herüber. Äpfelwein gibt es da. Wir haben kein Gefäß und müssen weiterdursten. “Jetzt ham mer unser Haisje gesehen”, sagt einer traurig, seine Habe unterm Arm, “jetzt kenne mer wieder weitergehn”. – Wohin Kamerad?” fragen wir. – “In der Schul schlaf ich”, sagte der Alte, “aber ich hab drei Adresse vom Amt. Dreimal hawwe mer Glick gehabt, aber dann hat’s uns geschnappt”

Drei Männer sind bemüht, einen ausgeblasenen eisernen Rolladen an einer Ruine freizumachen. “Die Apothek’  werd’  wieder uffgemacht”, sagt einer. Ein geschwärzter Bembel und das Schild ist alles, was von dem einstigen bekannten Weinhaus übrigblieb. Dahinter gehts wider in die Trümmer, auf und ab. Keine Gasse mehr. Nur Staubpfade. Aber unbeschwert lächelt der Knabe auf dem Brunnenstein, wo einmal das Fünffingerplätzchen war. Mühselig ist das Steigen. Es ist schon mehr klettern. Ein Sandsteinbogen zwischen den Trümmern. “Zum güldenen Unterhähnchen” steht da noch in Goldbuchstaben. Eine steile, geborstene Kellertreppe liegt darunter frei. Ein grüner Briefksten ist neu angebracht. Unten rumort’s. “Achtung Selbstschuß” warnt eine Kreideschrift. “Die Hände sollen dem abfaulen, der mir etwas stehlen tut”, heißt eine andere Warnung.

Über Schutthaufen kriechen wir unter einem Torbogenrest hindurch. Da blinkt es golden in der Sonne vor dem Domturm. Das kann nur der Schöppenbrunnen sein. Fest hält inmitten der Trümmerberge die unversehrte kaiserliche Gestalt den goldenen Reichsapfel. Nur das Schwert ist ihr aus der Hand geschlagen. Am Torrest des südlichen Domportals hantiert ein Handwerker. Aus der Ruine des Stadtgeschichtlichen Museums kommen hohle Stimmen. Der Trümmerhaufen dort war einmal das schöne Roseneck. Wir wagen eine Kletterei über den Trümmerhügel. Dahinter hält in unveränderter Koketterie die steinerne Brunnendame ihren eleganten Hut prüfend in der Hand.

Endlich eine gangbare Straße. Häuser können untergehen, Städte, solche Straßen nie. Weißer Staub liegt darüber, eilig ziehen die Wagen hindurch. Streckenweise ist der Asphalt verbrannt, der holprige Grund liegt zutage. “Die Schuhmacherei geht weiter”, ein Schild auf Trümmern. Ein Lebensmittelgeschäft verweist auf seine nächste Filiale. Die Straße wird ein holpriger Pfad zwischen Trümmermauern. In dem weiten Trümmerfeld bellt irgendwo ein Hund. Ein blaues Emailleschild, auf eine Trümmermauer gestellt, ist das einige was verrät, wo man hier ist.

Frankfurter Anzeiger, 25. April 1944

Und der Wahnsinn ging noch weiter bis 1945. Ich wurde im September 1945 geboren. In Hungen bei Verwandtschaft da unser Haus in Frankfurt teilweise ausgebombt war.  Meine Mutter kehrte bald mit meiner älteren Schwester und mir nach Frankfurt zurück um beim Aufbau des Hauses zu helfen. Mein Vater wurde dann auf dem Rückzug aus Rußland in der Slowakei getötet. Ich hatte meinen Vater nie gesehen, nur eine kurze Notiz mit einem Bleistift auf ein Stück Papier gekritzelt, auf dem mein Vater erfreut an meine Mutter bestätigte, daß er von ihrer Schwangerschaft nun wisse. Sein letzter Urlaub im Dezember 1944 hat es möglich gemacht. Dann mußte er zum letzten Mal an die Front, und kam nie wieder nach Hause.

 

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