Auschwitz – Prozessakten aus Frankfurt für das Gedächtnis der Völker

Eingangstor des KZ Auschwitz "Arbeit macht frei"

Eingangstor des KZ Auschwitz “Arbeit macht frei”

Im nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz wurden von 1940 – 1945 über 1 Million Menschen auf grausamste Art ermordet.
Für ihre Taten angeklagt waren 21 SS-Männer und ein Funktionshäftling. Im Verlauf der Verhandlung sagten 360 Zeugen aus. Davon waren 211 Überlebende aus Auschwitz, die zum Teil erstmalig über ihre grauenhaften Erlebnisse berichteten

Die Akten des Frankfurter Auschwitz-Prozesses sollen Weltdokumentenerbe werden. Hoffentlich erkennt die Unesco dieses an.

Hessens Kultur und Wissenschaftsminister Boris Rhein ist jedenfalls der Meinung, daß die 454 Bände umfassenden Gerichtsakten des ersten Frankfurter Auschwitzprozesses, von Dezember 1963 bis August 1965, dort richtig aufgehoben sind. Das würde bedeuten, daß die dann digitalisierten Akten mit einem Klick im Internet gelesen werden können. Momentan sind die Dokumente im Hauptstaatsarchiv Wiesbaden eingelagert. Zu dem Konvolut zählen auch 103 Tonbänder mit Mitschnitten der Aussagen der mehr als 300 Zeugen in der Hauptverhandlung.

Damit alle Mitbürger die diesen Artikel lesen auch verstehen welches Leid dem Prozess zu Grunde lag, hier ein Dokument, das den 24. Dezember 1944, also 19 Jahre vorher, beschreibt.

NACHRICHTEN AUS AUSCHWITZ

Das Internationale Auschwitz Komitee veröffentlicht “Nachrichten aus Auschwitz.” Was genau geschah vor sechzig Jahren in Auschwitz? Was geschah 1944, dem schlimmsten Jahr in der Geschichte des Konzentrationslagers, an einem bestimmten Tag?

24. Dezember 1944:
Weihnachten in Auschwitz

Es liegt Schnee in Auschwitz. Die Dächer der Baracken sind weiß, aber nicht die Lagerstraßen. Immer noch sind es zu viele Häftlinge, die sich mühsam darüber schleppen. Ihre schweren Schritte hinterlassen nur Matsch, der dann wieder gefriert und das Gehen noch schwieriger werden lässt: Überleben ist schwer geworden in Auschwitz in diesen Tagen, noch schwerer als es je war. Keine Nahrungsmittel erreichen mehr das Lager. Die Häftlinge müssen mit dem auskommen, was ihnen die SS zugesteht, und das ist viel zuwenig: das bisschen Suppe und Brot, viel zu wenig Wasser. Dazu kommt die Kälte, die durch die verschlissene Kleidung in jede Pore dringt: Die Häftlinge sind todmüde. Jeden Tag ist in den so genannten Stärkemeldungen der Erschöpfungstod von zwanzig bis dreißig Menschen verzeichnet.

An diesem Weihnachten kommt es besonders schlimm: 300 Frauen aus dem Kommando Weberei – sie fertigen dort Stoffe – erhalten den Befehl, sich zu einem Bad in die Sauna zu melden. Ihre Kleidung wird ihnen abgenommen, um sie zu desinfizieren. Nach der Dusche müssen sie nackt zurück in ihre Baracken gehen, barfüßig über die gefrorenen Lagerstraßen. Es ist ein weiter Weg, mindestens ein Kilometer. Und auch in den Baracken können sie sich nicht aufwärmen. Die Baracken sind unbeheizt, ungehindert pfeift der Wind durch die Ritzen zwischen den Bretterwänden. Ein strenger Winter in Auschwitz. In der Nacht fällt die Temperatur auf Minus 30 Grad. Stundenlang müssen die Frauen auf neue Kleidung warten. Die meisten von ihnen werden an Lungenentzündung erkranken, viele werden sterben. Aber sie haben an Weihnachten gebadet, so wie es sich nach Meinung der SS gehört.

Auch in anderen Teilen des Lagers wird die deutsche Ordnung eisern aufrechterhalten. In Monowitz etwa, dem Lager, wo die IG Farben synthetischen Brennstoff produziert. Das Lager wurde immer wieder von den Alliierten bombardiert. Die Luftaufnahmen der Amerikaner dokumentieren das Ausmaß der Zerstörung, aber auch die Wiederaufbauanstrengungen der Deutschen. Jetzt im Dezember haben sie es fast geschafft. Was bedeutet das für die Häftlinge?

Bei den ersten Luftangriffen haben sie zum Beispiel die Säcke mit dem Phenylbeta aus den Magazinen herausgeschleppt. Dann wieder zurück, als die Luftangriffe aussetzten. Schließlich wurden die Magazine getroffen und die Häftlinge mussten die Säcke im Keller verstauen. Jetzt sind die Magazine repariert, und die Säcke müssen zurück. Jedes mal sechzig Kilo pro Sack. Die Chemikalie verätzt die Haut und Atemwege. “Aber nun”, so schreibt Primo Levi, “hat der letzte Kampf begonnen. Und kein Zweifel kann mehr bestehen, dass es der letzte ist. In welchem Augenblick des Tages auch immer es uns geschieht, dass wir auf die Stimme unserer Körper horchen, dass wir unsere Glieder fragen, die Antwort lautet stets: die Kräfte werden nicht ausreichen.”

Die Luftaufnahmen der Amerikaner zeigen nicht nur die Reparaturarbeiten in den Fabriken von IG Farben. Sie zeigen auch, wie in Auschwitz Birkenau die Abrissarbeiten vorangehen: Aber das heißt nicht, dass die Nationalsozialisten aufgegeben haben. Sie transportieren die Einrichtung der Krematorien II und III ab, um sie in den Konzentrationslagern Mauthausen in Österreich und Großrosen in der Nähe von Breslau wieder aufzubauen. Die zumindest sind ihre Pläne.

Auch in Auschwitz werden an Weihnachten Kinder geboren, gleich drei werden es am ersten Weihnachtstag sein. Aber für sie gibt es keine Gnade, keine Hoffnung zu überleben. Es geschieht kein Weihnachtswunder für die Häftlinge von Auschwitz.

Leider sind die Aussagen der Zeugen im Auschwitz-Prozess nicht in den Akten festgehalten. Dort tauchen nur die Formalien auf, etwa die Beschreibungen wie zum Beispiel wer an welchem Tag in den Zeugenstand getreten ist.Glücklicherweise wurden aber große Teile des Prozesses auf Tonband aufgenommen und so für die Historiker und die Nachwelt erhalten. Diese Tonbänder enthalten erschütternde Berichte von Zeugen.

Das Gericht im Auschwitzprozess

Das Gericht im Auschwitzprozess

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