Judenpfennig – Weshalb hieß der so?

Judenfeindliche Darstellung

¼ HALBAG 1818 (Joseph/Fellner Nr. 1996)

¼ HALBAG 1818 (Rückseite), Schild, im linken Feld ein Fisch, rechtes Feld schraffiert

Die Numismatiker Paul Joseph und Eduard Fellner brachten in ihrem 1896 und 1903 veröffentlichten Werk über die Münzen von Frankfurt am Main die Judenpfennige mit kriminellen Machenschaften in Verbindung, ohne dabei jedoch Juden als Urheber zu bezeichnen:

„Diese wurden im Anfänge dieses Jahrhunderts an einem unbekannten Orte unerlaubter Weise geschlagen und in den Verkehr geschmuggelt. Sie sind etwas leichter wie die echten, wodurch den Herstellern bei deren Massenfabrikation ein grosser Profit blieb. Dass sie in Frankfurt geschlagen wurden, ist nicht wahrscheinlich, wohl aber wurden sie hier in den Verkehr gebracht. Jedenfalls führen sie in aller Welt den Namen ‚frankfurter Judenpfennige‘.“

Paul Joseph, Eduard Fellner: Die Münzen von Frankfurt am Main nebst einer münzgeschichtlichen Einleitung, 1896, S. 624

Der Numismatiker Friedrich von Schrötter lieferte in seinem 1930 herausgegebenen, über Jahrzehnte als Standardwerk geltenden und 1970 und 2012 unverändert neu aufgelegten und nachgedruckten Wörterbuch der Münzkunde eine Darstellung, die nunmehr Juden ausdrücklich als Urheber der Judenpfennige benennt:

Judenpfennige. In dem ersten und zweiten Jahrzehnt des 19. Jh.s mangelte es am Rhein aufs äußerste an Scheidemünzen, weil in Preußen seit 1808 keine mehr geschlagen waren. Diese Gelegenheit benutzten Juden, indem sie die kleinsten Kupfermünzen, Pfennige und Heller, etwas leichter als die gesetzmäßigen prägen ließen, und zwar die ersten mit Phantasienamen ‚Atribuo‘, ‚Theler‘, ‚Halbac‘, und Phantasiebildern wie einem Schild mit 2 Tonpfeifen, einem Arm, Stern, Kranz, Löwen u. Hahn sowie mit den Jahreszahlen 1703, 1740, 1807, 9, 10, 18, 19, 20 und 1821. Die in diesem Jahre wiederaufgenommene Scheidemünzprägung Preußens und die scharf gehandhabte preußische Münzpolizei scheinen diesem Unfug ein Ende gemacht zu haben. Der Gewinn der Hersteller durch dieses Geschäft war übergroß: im Jahre 1820 soll ein Neußer Jude dabei 54 000 Fl. verdient haben, und in 10 Monaten gingen allein bei einem westfälischen Zollamte 9 3/8 Zentner solcher Kupfermünzen ein. Wo die Judenpfennige gemünzt sind, hat man bisher nicht entdecken können, aber sehr wahrscheinlich in oder um Frankfurt a. M., da sie immer ‚Frankfurter Judenpfennige‘ genannt worden sind.“

Friedrich Freiherr von Schrötter: Wörterbuch der Münzkunde, 1930, Lemma Judenpfennige

Sowohl die Herkunft der Bezeichnung Judenpfennige als auch die Herkunft der Münzen blieben unklar. Die Autoren Joseph und Fellner lieferten für ihre Angaben gar keine Belege. Von Schrötter nannte als Beleg zum einen Joseph und Fellner, zudem berief er sich auf seine eigene 1926 erschienene Darstellung des preußischen Münzwesens des 19. Jahrhunderts. Bereits dort hatte er zwei Briefe eines preußischen Münzbeamten aus dem Jahr 1821 auszugsweise wiedergegeben:

„Am 25. Jan. und 2. April 1821 schrieb Vincke, ein Neußer Jude habe, wie es heiße, im Jahre 1820 an der Einfuhr Frankfurter Heller 54 000 Fl. verdient, selbst Spielmarken und alte Knöpfe würden als Scheidemünze benutzt. In 10 Monaten seien allein beim Zollamte Wilnsdorf in Westfalen 22 Ztr. silberner, 9 3/8 Ztr. kupferner Münzen eingeführt worden.“

Friedrich Freiherr von Schrötter: Das preußische Münzwesen 1806 bis 1873. Münzgeschichtlicher Teil. Erster Band, 1926, S. 91

Die Aussage zum „Neußer Juden“ wurde bei Schrötter um eine weiter relativierende Fußnote ergänzt: Die mit den Jahreszahlen 1703 bis 1822 versehenen sogenannten Judenpfennige spielten sicher auch mit (…). Beim „Zollamte Wilnsdorf“ handelte es sich um ein Zollamt im Kreis Siegen. Die in einen Zusammenhang eingebettete Darstellung macht deutlich, dass es sich bei der Angabe zum „Neußer Juden“ bereits im frühen 19. Jahrhundert um nicht mehr als ein Gerücht handelte. Zudem wurde der Schwerpunkt in von Schrötters erster Darstellung eindeutig auf den dramatischen Mangel an Kleingeld, und nicht auf kriminelle Machenschaften gelegt. Aus der im Wörterbuch der Münzkunde wenige Jahre später nicht mehr enthaltenen Angabe von 22 Zentnern silberner Münzen wurde klar, dass auch bei den in Wilnsdorf eingegangenen Münzen die kupfernen Judenpfennige nur einen kleineren Anteil ausmachten, sofern sie überhaupt enthalten waren.

Noch 2007 wurden die fragwürdigen und größtenteils unbelegten Angaben der Vorautoren in die zweite Auflage der Encyclopaedia Judaica übernommen, wo die Herstellung der Münzen „einigen Juden“ zugeschrieben, und auch die Angaben zum „Neußer Juden“ und zum Zollamt Wilnsdorf wiederholt werden.

Prägung hessischer Pfennige für das Ausland

Im Juni 1820 erbat ein Kasseler Geldwechsler bei der Darmstädter Münze ein Angebot für die Prägung von 80 bis 100 Zentnern Kupferheller für den Versand in das Ausland. Der Darmstädter Münzmeister nahm im Zuge der Verhandlungen über die Beschaffung der Schrötlinge Kontakt mit der Frankfurter Firma der Gebrüder Heitefuss auf. Diese waren zur Herstellung von Kupferschrötlingen in der Lage und letzten Endes kam es ohne Beteiligung des Kasseler Wechslers zum Vertragsabschluss zwischen der Darmstädter Münze und Heitefuss. Heitefuß sollte der Münze 20.000 Pfund Pfennige als Rohlinge zum Preis von 63 Kreuzer das Pfund liefern und fertige Münzen für 90 Kreuzer das Pfund bei einem weiteren Nachlass von drei Prozent zurücknehmen.

Nach Abschluss dieses ersten Geschäfts waren die Gebrüder Heitefuss an einer Fortsetzung interessiert. Innerhalb des hessischen Finanzministeriums waren allerdings mittlerweile Bedenken aufgekommen. Zum einen befürchtete man, die in übergroßer Zahl in das Ausland verschickten Pfennige könnten nach Hessen zurück kommen und die Geldmenge erhöhen. Zudem war man besorgt, dass die Münzen in Wahrheit nach Norddeutschland gebracht würden, um dort die wesentlich schwereren Pfennige zu ersetzen. Ein solches Vorgehen hätte den Ruf des hessischen Münzwesens beschädigt und wurde als der Würde des Staates abträglich erachtet.

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