Das “Loch von Frankfurt” von Walter Boehlich

Walter Boehlich hat diesen Artikel 1987 für das Wochenblatt “Die Zeit” verfaßt. Boehlich war ein deutscher Literaturkritiker, Verlagslektor, Übersetzer und Herausgeber. Von ihm stammt der Text:

„Die Kritik ist tot. Welche? Die bürgerliche, die herrschende. Sie ist gestorben an sich selbst, gestorben mit der bürgerlichen Welt, zu der sie gehört, gestorben mit der bürgerlichen Literatur, die sie schulterklopfend begleitet hat, gestorben mit der bürgerlichen Ästhetik, auf die sie ihre Regeln gegründet hat, gestorben mit dem bürgerlichen Gott, der ihr seinen Segen gegeben hat …“

1987 schrieb er den Artikel ” das Loch von Frankfurt”, in dem er sich auf den Bau der Frankfurter  Stadtwerke, dem Mainova Bau am Börneplatz, dem ehemaligen Judenmarkt bezog. Was er 1987 schrieb gilt auch heute noch in Frankfurt der Stadt mit der wichtigen jüdischen Vergangenheit in seiner Geschichte.

 

Das Loch von Frankfurt

Der Börneplatz alias Karmeliterplatz alias Judenmarkt: ein Fall von Vergangenheitsbewältigung

Von Walter Boehlich

In unserem Lande schreitet das Vergessen schneller vorin als die Geschichte. Adolfo Bioy Casares

Wenn man, von der Hauptwache kommend, unter kümmernden Platanen, deren Absterben über dem U-Bahn-Schacht schon eingeplant ist, die trostlose „Zeil“ entlanggeht, gelangt man zu einem Meisterstück Frankfurter Stadtbaukunst, der Konstablerwache, einer pflegeleichten Steinwüste mit abscheulicher Randbebauung. Von einem urbanen Platz hat sie so wenig wie die nach rechts führende Kurt-Schumacher-Straße etwas von einem menschenfreundlichen Boulevard. Ihre einzige Aufgabe ist es, den Verkehr so schnell wie möglich nach Sachsenhausen zu führen. Nach ein paar hundert Metern stößt man linker Hand auf eine riesige Baugrube – die ist einer der üblichen Frankfurter Skandale, eine Machtdemonstration von Planern und Rechnern, denen man alles nachsagen kann, nur kein Verständnis für die Geschichte der Stadt, in deren Diensten sie angeblich stehen.

Die Konstablerwache gibt es schon lange, während die Kurt-Schumacher-Straße ein Kind der Nachkriegszeit ist: schnurgrade, vielspurig, ampelbestückt. Früher, vor der braunen Seligkeit und ihren entsetzlichen Folgen, gelangte man von der Konstablerwache durch eine enge, leicht gekrümmte Gasse zu der Stelle, wo jetzt das riesige Loch gähnt. Das war die Börnestraße oder die Judengasse, denn diesen Namen hat sie die längste Zeit getragen. Von ihr ist nur noch ein winziges Stück erhalten, eine Art Sackgasse, in die sich kaum jemand verirrt.

Sie zeichnet sich aus durch Nachkriegs-Häßlichkeit. Ihr größerer Rest ist längst begraben unter Neubauten und unter der neuen Durchgangsstraße, aber auch unter dem Pflaster des Platzes, auf dem jetzt gegraben wird. Der hieß bis vor zehn Jahren: Karmeliterplatz; davor, vor 1933: Börneplatz und noch früher (vor 1885): Judenmarkt. Auf ihm stand, an den Alten Jüdischen Friedhof angrenzend, die konservative Synagoge (1882 eingeweiht). Von ihr ist nichts übriggeblieben. Die Nazis haben sie angezündet und später abgetragen. Ihre Nachfolger haben den freien Platz genutzt, um auf ihm die Blumenmarkthalle zu errichten, an deren Stelle jetzt ein mächtiger Verwaltungsbau der Stadtwerke treten soll. Daß sich zwischen diesem Platz und der Konstablerwache jahrhundertelang das Leben der Frankfurter Juden abgespielt hat – daran erinnert nichts mehr, außer zwei Plaketten, die Amerikaner haben anbringen lassen.

Die Frankfurter haben die Erinnerung an ihre alte jüdische Gemeinde mit einer Brutalität ausgelöscht, die kaum ihresgleichen findet.

Sie haben sich mit ungewöhnlicher Finanzkraft das Privileg erkämpft, die gesichts- und geschichtsloseste Großstadt der Bundesrepublik zu konstruieren, schnell, gefühllos, herzlos. Was der Krieg nicht vernichtet hat, haben sie im Frieden vernichtet. Sie bauen immer höher und graben immer tiefer, und wenn sie Pech haben, stoßen sie dabei auf etwas, was ihnen im Wege ist, auf Erinnerungen.

Kein Wunder, daß sie sich nicht gern erinnern, schon gar nicht an die Geschichte, die sie den Juden bereitet haben. Ein Konversationslexikon aus dem Jahre 1844 vermerkt: „Unter die schönsten Straßen gehört die 750 Schritt lange Zeil; eine der häßlichsten war sonst die Judengasse, wo sämtliche Juden wohnen mußten.“ Die Schönheit der Zeil ist dahin, ebenso wie die Häßlichkeit der Judengasse, die nicht den Juden selbst zuzuschreiben war, sondern den Bedingungen, unter denen zu leben die Frankfurter sie gezwungen hatten.

Fast jeder wird die nicht sehr liebevolle Schilderung dieser Gasse in „Dichtung und Wahrheit“ kennen, viele die anteilsvolleren durch Börne, in deren einer sich die Geschichte von den Kartoffeln, der Zwiebelsuppe und dem Sauerkraut findet, die durch eine „chemische Subtilität“ erst unrein und dann wieder rein wurden. Die wenigsten werden das Kapitel über die Judengasse in Jens Immanuel Baggesens „Labyrinth“ kennen – keinem Deutschen, sondern einem jungen Dänen – der im Jahre der Französischen Revolution, erfüllt von deren Idealen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, durch Deutschland reiste und sich zum Anwalt der Unterdrückten machte. Er sah in der bürgerlichen Verfassung der Juden eine „teuflische Ungeheuerlichkeit“, in den Juden „unglückselige Opfer von Dummheit und Grausamkeit, von Aberglauben und Despotismus“ und fragte: „Ist es möglich, daß man noch in unserem Zeitalter eine Nation, welche physische und moralische Existenz mit allen anderen gemeinsam hat, für politisch nicht existent und zur ewigen Friedlosigkeit bestimmt ansehen kann? Ist es möglich, daß man sich darin einig sein kann, einer Sammlung von Erdenbürgern auf Grund ihrer besonderen Religion das erste von allen Rechten, das natürlichste aller Besitztümer zu verweigern?“

Was dem fünfundzwanzigjährigen Dänen so unmöglich schien, war dem Rat der Stadt Frankfurt durchaus möglich, und er hat nach den Napoleonischen Kriegen sein Bestes getan, die gegen horrende Ablösung erlangte Emanzipation der Juden wieder rückgängig zu machen. Daß die Juden in Frankfurt sehr viel mehr als nur geduldet worden seien, ist eine Zwecklegende, die sich nur auf ein paar Jahrzehnte einer jahrhundertelangen Geschichte gründen kann. Frankfurt war nicht Dessau, es hat die Juden nicht nur in den zwei „Judenschlachten“ (1241 und 1349) dezimiert, sich nicht nur den Fettmilchaufstand (1612 – 1616) geleistet, sondern kaum je begriffen, was es den Juden verdankte, außer Geld und immer wieder Geld. Es hätte ohne seine Juden keine Universität, kein Freies Deutsches Hochstift, kein Institut für Sozialforschung bekommen, und was nicht sonst noch alles.

Eine Art Dankbarkeit immerhin soll die Errichtung eines Jüdischen Museums werden, am Untermainkai, im ehemaligen Rothschild-Palais, das dafür wenig geeignet ist und unter immensen Kosten dafür hergerichtet werden muß.

So macht man es eben in Frankfurt: Museen, in denen die Vergangenheit stückweis eingesargt wird, aber bitte keine konkrete Anschauung von Geschichte. Als auf dem Börneplatz eine mittelalterliche „Mikwe“, ein rituelles Tauchbad, ausgegraben wurde, war der erste Einfall: abtragen und im Museum aufstellen!

Überraschend war nicht der Fund, sondern die hervorragende Erhaltung. Überraschend war auch nicht die Reaktion der Stadtwerke: Das können wir hier nicht brauchen. Die Frage ist aber nicht, ob die Stadtwerke den Fund brauchen können, sondern ob Frankfurt ihn brauchen will.

So wie der Name des Hauses, das da einmal stand, ein Kaltes Bad erwarten ließ, läßt ein anderer Hausname ein Warmes Bad erwarten, das heißt, man wird noch mehr finden, wenn man es finden will. Und was dann?

Der Gedanke, alle Funde sorgfältig Stein für Stein abzutragen und an anderer Stelle wieder aufzubauen, ist absurd. Was die Dinge einmal waren, können sie nur an Ort und Stelle bleiben, mit anderen Worten, man muß sie lassen, wo sie sind, ob das den Stadtwerken und den Stadtplanern in den Kram paßt oder nicht.

Auch die Verlegenheitslösung, sie im Keller der Tiefgarage so einzusargen, daß sie noch besichtigt werden können, verbietet sich. Denn die Fundstücke werden Erinnerung nur ermöglichen, wenn sie deutlich sichtbar bleiben, den Choc auslösen, der beinahe allen bisher erspart worden ist. Die Diskussion darüber, ob der Börneplatz, der besser wieder Judenmarkt hieße, überhaupt bebaut werden soll, müßte noch einmal begonnen werden. Es ist vollkommen gleichgültig, wo die Verwaltung der Stadtwerke untergebracht wird; aber es ist nicht gleichgültig, ob dieser Platz ein Platz der Erinnerung an die Geschichte Frankfurts und die Geschichte der Juden wird oder nicht.

Die Frankfurter haben ihren Juden alles genommen, Heimat, Besitz, Leben; 900 Frankfurter Juden haben sich umgebracht, um nicht in Lagern umgebracht zu werden. Einmal sollten die Frankfurter den Juden auch etwas geben, was nicht nur kalt fiskalische „Wiedergutmachung“ ist, sondern etwas anderes, mehr: Sie sollten ihnen den Börneplatz schenken, wiedergeben also, zur Erinnerung daran, was Frankfurter ihnen angetan haben – nicht erst seit 1933. Der Jüdische Friedhof, dessen alte Grabsteine zu Tausenden mitten im Krieg zertrümmert worden sind, könnte in ihn einbezogen werden.

Wenn man das römische Mauerwerk am Dom hat freilegen und freilassen können, warum dann nicht auch die letzten Reste des Judenviertels?

Warum nicht das Jüdische Museum dort, wo es hingehörte, erbauen?

Warum nicht einen fast leeren, verwilderten, wüsten Platz schaffen, der ganz anders wäre als die anderen Frankfurter Plätze, auf andere Weise trostlos, ein Ort, an dem vielleicht Tag für Tag zwei oder drei trauerten über das, was es nie mehr geben wird? Wäre das, nach allem, zu teuer?

Aber, fragt man sich, wieso gehört der Grund und Boden, auf dem zwei Synagogen und das Haus der Jüdischen Männer- und Frauenkrankenkasse standen, nicht der Jüdischen Gemeinde, sondern der Stadt, die dort tun und lassen kann, was sie will, und bisher lediglich zu geringen Zugeständnissen bereit war?

Das ist eine verwickelte Geschichte, die mit einer Verfügung der Militärregierung zusammenhängt, derzufolge alles jüdische Gemeindeeigentum der IRSO (Jewish Restitution Successor Organization) übereignet wurde, ohne jede Rücksicht auf die Restgemeinden. Juden, war die herrschende Meinung, sollten auf deutschem Boden nicht mehr leben, brauchten also auch keinen Gemeindebesitz mehr, der für ziemlich billiges Geld von der IRSO verkauft wurde. Eine Arisierung post festem. Sie macht die Stadt heute so stark und die Gemeinde so schwach. Unrecht Gut kann auch gedeihen.

Trotzdem: es ist noch nicht zu spät. Auch wenn bisher weder Unterschriftenaktionen noch Professorenvoten irgend etwas geholfen haben, die Frage, was aus dem Börneplatz werden soll, muß noch einmal gestellt werden, und zwar von der Öffentlichkeit, nicht von kleinen, wohlmeinenden Zirkeln. Sie muß aus den Lokalteilen der Frankfurter Zeitungen auf die politischen Seiten der überregionalen Blätter verlegt werden, weil es keine Frage von Krähwinkel ist, was aus den Überresten einer alten und großen und weltberühmten deutschen jüdischen Gemeinde wird.

Nichts wäre falscher, als auf Klagen und Begehren der Gemeinde zu warten, denn diese Frage geht nicht allein die dreitausend Frankfurter Juden an, sondern alle Frankfurter, die Deutschen überhaupt. Die Geschichte, die da begraben werden soll, ist nicht nur ein Stück der jüdischen Geschichte, sondern auch ein Stück der deutschen, für das die Mörder verantwortlicher sind als die Opfer, die Kinder und Enkel der Mörder verantwortlicher als die Kinder und Enkel der Opfer.

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