2 Freunde besuchen die Frankfurter Messe anno 1694 und erzählen was sie dort gesehen haben

Entnommen der Chronica der weitberühmten freyen Reichs-wahl und Handels-Stadt FRANKFURTH am Mayn, oder Zweyter Theil von Georg.Augustum von Lersner, Frankfurth am Mayn, gedruckt bei Johann Adam Recksroth, 1734

Messe auf dem Römerberg

Ausführliche Beschreibung der weltberühmten ansehnlichen Frankfurter Meß, und was zween gute Freunde im Durchgehen observiret, sehr curios und lustig zu lesen, auf Begehren einiger Liebhaber in dem Truck gegeben, durch Adrianum Teutonicum. Gedruckt im Jahr 1694.

Lagerhalle eines Kaufmanns

I. Theil
Ich ging mit einem Freund, zu Franckfurt durch die Stadt, und sah mich umb und umb, was Gott derselben hat, Aus sonderbarer Gütt/verliehen und gegeben, Wie macher wunderlich, die Nahrung sucht zu leben.
 Wir gingen durch die Mess, die weit und breit bekand/ Die hochberühmet ist, in manchen fernen Land.
 Im Rathaus fanden wir, Gold,  Silber und Juwelen, Französisch Waren viel, und manche schöne Seelen
 Der Damen groß und kleine, auch Fürsten, Graffen Herrn,  Wir sturten selbe an, und sahen solches gern.
Domherren, Edel-Leudt, Canonici und Pfaffen, Münch, Nonnen, Burgersleut, wir drinnen auch antraffen,
 Der eine kauffte diß, der ader kauffte daß, Der dritte kauffte nichts, sah über seine Naaß, als wie ein alter Brack,der  vierte dificurieret,
 Von neuen Zeitungen, der fünffte carifiret  Sucht Willpret, vor die Knie, der sechst verwundert sich,
 Der siebte lachte nur, der achte schwur greulich, und lobte seine Waar, der neundt des Kauffers spott, der zehend lieff hinweg, da man zu theuer bott.
 Der elfte accordirt, der zwölffte abezahlt/ Ein jeder hier und da, mit Geld und Münze prahlt.
 Wir giengen weiter fort, die Börsch  voll Kaufleuth funden, bei denen allerhand der Nationen stunden,  von mancherley Gespräch: wer hätt solches gedacht,  Daß der vornehme Mann, ein Vallament gemacht.
 Die Mackler hin und her, umbliessen sehr geschwind, zu schliessen Wexel nur, die man dann leichtlich stundt.
 Wir schlupfften durch die Leuth, da war ein Ruffen, Schweyen: Macht Platz, nur auf die Seit, viel dorfften sich nicht freuen.
 Der groben Stöß vom Karn/es wimmelt krimmelt voll,  Wir sahen uns wol vor, daß uns kein grober Knoll, auch übern Hauffen warff, dann da ist nicht zu sehen, Respect und Höflichkeit, und weme was geschehen,
 Der wischt das Maul geschwind, macht ja nicht viel der Wort, Schlich stillschweigens hinweg, und ginge weiter fort,
 Dem folgten wir auch nach, und bei uns nur bedachten, Wir wolten alles wohl, auffs allerbest betrachten,
 Viel hundertley der Kräm wir sahen, gafften an, von groß und kleiner Waar/ wie mancher frembder Mann, kaufft ein und zahtle aus, ließ seine Waar einpacken, Der eine auf den Karg/der ander auf den Nacken, Ließ seine Waaren bald, fortbringen hie und da, ein andern seine Waar/man auch abladen sah.
II. Theil
 Das Landvolck kauffte ein, Soldaten Officirer, Beamte, Bauersleut/viel arme Stieffelschmierer
 Sah man voll in der Meß, Quacksalber mancherley, und Jean-Potage sich/stellt närrisch auch darbey.
 Die Storger schnitten auff, der Zahn – Arzt konte sprechen sehr hoch von seiner Kunst, und thät viel Zahn ausbrechen,
 Dort war ein Oculist, der stache einen Stahr, Ein ander schnitt und stach, sich neue Wunden gar, Schmeißt Schwefel und das Pech, mit Zinn und Bley verwundert, auf seine Händ und Arm/ und fluchte auch bey hundert/seins gleichen wäre nicht/bald man ein andern sah, der hatte viel tausend Würm/die kont er zeigen da, die er in manchem Land / mit Wunder ausgetrieben.
 Hie war ein ander Arzt, der zeiget vorgeschrieben/ Wie er im Schweitzer – Land, gegraben manches Kraudt,
 Dort stand der Qualster-Hans / der rieffe überlaudt: Hier ist Gnaden-Salb, hier seind die Qlitäten, Hier ist der rechte Mann, so helfen kann aus Nöthen.
 Ein ander diftelirt, Roffolis roth und hell, Das Catharinen-Oel, auch rühmt vorn Leuten schnell.
 Wir sahen Bruch und Stein/an vielen Taffeln hencken,
 Mit Instrumenten auch/dort stunden auf den Bäncken die Liedersänger sein, die nach Hanß Saren Art, gesungen wurden recht / von solchen Sängern zart.
 Das Murmelthieren-Schmalz, ein anderer hoch priese, ein solches Thier geschwind, uns lebendig vorwiese, Er liess es pfeiffen hell / ein Hechle ein Mausfall,
 Ein Ruff-laut haderlump man hörte überall,
 Din, din, derlin, dint, dint, Bomrantz, Citron, Lemony,
 Von allerhand Gewürz, Cubeben, Carlemonii,
 Ein ander Brüll, Brüll, Brüll, aus seinen Kräfften schrie.
 Der Glückes – Haffner winckt/ man kan gewinnen hie,
 Der Scherschleiff rolt und rieff: Scherschlip und Messerschleiffe/ Ich schleiffe umb das Geld, auch gute Schusters-Kneippe.
 Die Pfannen – Flicker auch, sich hatten wohl  vertheilt verschieden in der Stadt, der Taschenspieler eilt, von ein ins ander Hauß, die Raßler, Gaukler, Springer die Nahrung suchten auch, da bracht man frembde Dinger
 Von Tiger, Löwen, Pferdt, Meerkatzen, Affen, Hund, Kamel und Elephant’n sich machten warlich kund, gelehrte Beeren auch, der Fabianen viel
 Man sah auf der Schmidstuben, Burßenelly-Spiel, Commedianten stoltß, Der Pickelhering prangte dort aber in der Lufft / Hanssub am Saile hangte.
 Die Gängler ohne Zahl, die lieffen durch die Stadt, ein ander lobte auch, sein Bisam hoch und satt.
 Im Wirtshaus hörte man, die Pfeiffer und Schallmeyer.  Garküchen warn besetzt, man hört die Bauren-Leyer, Man thönte wurnderlich, man sang, man spielt und lacht, Es war ein Gereusch, bis in die finstre Nacht.
 Der ein durchs Poppenspiel, sucht Leut an sich zu bringen, Ein ander brachte vor, viel Narren-Possen Dingen.
 Da wir die Thorheit all, inacht genommen recht, Wir kehrten wieder umb, und dachten wie so schlecht sich mancher umb das Brod, muß seuerlich bewerben,
 Wann er vor Faulheit nicht, wil elend hungers sterben:
 Wir funden kleine Tisch, daran man stach Pittschier, Buchführer vielerley, sah man auch kommen für, Notair – und Procureurs, und grosse Advocaten.
III. Theil
 Viel Pfarrherrn, Schreibersleut, und kleine Potentaten, Schulmeister vieler Arth, Studenten mancherley, Philofophos und Würm, Sternseher und Propheten, Calendermacher auch, und grilische Poeten/ Magister ohne Zahl, bald eine Licentiar.
 Ein Käpgen unterm Hut, bald einen von dem Staat, gelehrt und ungelehrt/auch gute Musikanten/ Bereiters hochberühmt, und allerhand Bachanten.
 Aus Braband, Mahlers auch, und Knaben aus der Schul, dann manche Kramers-Frau in ihrem Laden-Stuhl.
 Wir sahen ferners auch, Bootsknecht, Weinschröder, Schiffer, Maynhünkel, Loßgesind, viel Müsiggänger, Püffel, Holzmesser, Heinzler auch, die Reff- und Säcke-Träger, Karnschieber, Packer, und viel Zäncker, Rauff – Schläger.
 Viel Bettel – Klapperleut, ja manche alte Hur, Der Bettel-Vogt sie trieb an einen Treckkarn fuhr.
 Die Kübel-Weiber auch, theils aus sehr grosser Noth, trugen auf ihren Köpff’n falveni Menschenkoth.
 Madam Schlap, fiel dahin, da war ein groß Geschrey, Theils greulich drüber lacht’n, theils fluchten auch darbey.
 Roßkäm, Stallknechtts-Gesind, von allerhand Geschmack, Canari-Vogelsleut, und Krämer mit Taback,
 Die Kartenmacher selbst, die Würffler und die Trumpffler, viel tausend Lumpen-Leuth, und manchen schlimmen Humpler. Laqueyen, Kutscher auch, man hin und wieder sah, Carossen grosser Herrn, und Frauenzimmer da,
 Dantzmeisters liessen sich, in Häusern zierlich sehen, vor der Gebackes-Hüt, die kleine Kinder stehen.
 Zuletzt Marx Lucas Freund, die Fechter sahen wir im Krachbein wundersam sich klopfen für und für.
 Es ist zu zehlen nicht, was wir für Leuth gesehen, Auch manche Dam, in die Comoedi gehen, Viel Juden sahen wir in Läden groß und klein/Herr habt ihr was zu handel’n, was wolt ihr kauffen ein.

Geldgeschäfte

 Joseph im schartzen Herm, der schwur bei seinem Bart, und auch bei seiner Scham er wüst einen hasart.
Gumbrecht zum Flederwisch, der lieff als wär er toll, Es folgt von Jung und Altn fast alle Gassen voll,
Die Beutelschneider selbst, die blieben auch nicht aus, die Dieb und Schelmen sich, auch machten aus dem Hauß,
 Theils waren franco frey die konten sich ergetzen, theils sah man führen hin betrübt in Thurn zu setzen/
 Die Kuppler durch die Meß die lieffen mit begier, den Frembden zu der Lust die Hurn zu tragen für.
 Man fand von aller Art/der groß und kleinen Leuten, Von Ehr und gegen Ehr, vor niemand sich nicht scheuten,
Gescheide kluge Leut, und dann viel Narren auch, ein ganz Holopotrie, wie solcher Messe Brauch.
Theils sahen sauer aus, theils freundlich sich erzeigten.
Theils rufften überlaut, teils ganz bescheiden schweigten.
 Wir lachten unser selbst, da wir dieses betracht, ein ander wünschten drauff, ein freundlich gute Nacht.
   E  N  D  E

 

 

Dieser Beitrag wurde unter Blick, Frankfurter Chronik 1706/1734 A.A.Lersner veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.