Der Fahrende Schüler (1570)

Auszug aus “Kriminalfälle aus der Reichsstadt Frankfurt (Waldemar Kramer Verlag 1984)

1570

So bevölkerte damals eine bunte Masse die Landstraßen: Zigeuner, fahrende Gesellen, entlaufene Mönche, wandernde Schüler und Dirnen, Spielleute, “gartende” Landsknechte, Gaukler, kurz: fahrendes Volk von keinem Stand, keiner Ehre, keiner Heimat und keiner bürgerlichen Bindung. Freilich betrachete die Obrigkeit diese Fahrenden mit scheelen und mißtrauischen Blicken, aber dem Zugriff konnte sich so ein wandernder Geselle leicht entziehen. Die staatliche Autorität endete an der Grenze des eigenen Territoriums, und diese Staatsgrenze war in deutschen Landen zu jenen Zeiten auch zu Fuß in längstens ein paar Stunden zu erreichen und ohe Paß und Visum zu überschreiten.

Ob unser Thomas Rudolph aus Schaffhausen jemals die Bank einer Lateinschule gedrückt oder gar eine Universität besucht hat, mag dahinstehen. Jedenfalls zog dieser 16 – jährige Schwerverbrecher als fahrender Schüler durch das Land. Als fahrender Schüler mag er auch an der Tür des Pfarrers Schwanfelder von Sprendlingen um Quartier oder Wegzehrung gebeten haben. Als aber nur die beiden Kinder des Pfarrers in Hause sind, wird der fahrende Schüler zur Bestie. Er ermordet die Kinder, offenbar um das Haus ungestört ausrauben zu können. Hierzu aber kommt es nicht. Rudolph wird erkannt, kann aber noch bis Offenbach entkommen. Dort wird er verhaftet und im gräflichen Schloß eingesperrt. Aber dieser kaltblütige Verbrecher gibt nicht auf. Es gelingt ihm, auszubrechen, und diesen Streich krönt er noch damit, aus dem Schloß 623 Gulden zu entwenden. Nun wendet sich Rudolph nach Frankfurt. Das Geld läßt er sich von einem Bauern tragen, er  kann sich ja nun einen Träger leisten. Aber auch in Frankfurt möchte er begreiflicherweise nicht bleiben, vielmehr eine größere Strecke zwischen sich und sein Verbrechen  bringen. In Sachsenhausen verhandelt er mit Schiffsleuten, denn er will in einem Kahn weiterfahren. Diese Fahrt ist bequem und hat für ihn den Vorzug, nicht viele Siedlungen zu berühren. Bei den Verhandlungen mit den Schiffern wird Rudolph jedoch von einem Sprendlinger Holzbauern erkannt, ergriffen und zum Römer gebracht. Es ist aus mit ihm. Hat man einmal solch einen Gesellen erwischt, und bestehen gegen ihn genügend Verdachtsmomente, so schägt die Strafjustiz mit barbarischer Härte zu.

Man beschließt endlich, man soll den Beschuldigten vom Katharinenturm, dem Gefängnis, in den Brückenturm überführen, in welchem die zum Tode verurteilten an einen Stuhl gefesselt ihre letzten Stunden verbringen. Dort soll Rudolph nochmals eindringlich über die Diebereien in Koblenz vernommen werden, Geistliche sollen ihm die letzten Tröstungen spenden und Rudolph zugleich ermahnen, daß er nicht allein seine eigene Seele, sondern auch andere Leute nicht belasten und die Wahrheit anzeigen solle.

Mit diesem Beschluß  verbindet der Rat aber zugleich sein grauenhaftes Urteil: Wenn solches geschehen” soll man den Rudolph “alsdann auf den Freitag anderen bösen Leuten zum Abscheu auf einen Wagen oder Karrn schmieden und auf dem Markt  (am Römer) und Unser Frauenberg (Liebrauenberg) mit glühenden Zangen petzen, folgens hinausführen und mit dem Rad vom Leben zum Tode richten und die Arme und Beine zweimal entzweistoßen, hernacher auf das Rad legen, einen Galgen darauf machen, damit man sehen könne, daß er nicht allein gemordet, sondern auf gestohlen habe”

Ein gütiges Geschick, vielleich die höhere Gerechtigkeit, scheint dem Verureilten zwar nicht den verdienten Tod, aber doch die grauenvollen Martern erspart zu haben: Als nämlich Thomas Rudolph am Morgen des 24. Februar 1570 zu dieser entsetzlichen Hinrichtung geschleppt werden soll,  befindet er sich in einem “so tiefen Schlaf, daß man ihn nicht erwecken können”. Der Verurteilte war also offenbar ohnmächtig.

Ein Arzt untersucht  ihn, findt jedoch keine lebensgefährliche Krankheit. Der Rat beschließt man solle “ungeacht er sterbe oder bleibe lebendig” das Urltei vollziehen. So geschieht es denn auch mit der ganzen Grausamkeit diese unmenschlichen Richterspruches.

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